Micha Lewinsky

Micha wurde 1972 in Kassel geboren. Aufgewachsen ist er in Zürich, wo er nach der Matur einige Semester Filmwissenschaften und Psychologie studierte. Danach arbeitete er als freier Journalist und Redaktor, Kultur-Organisator, CD-Produzent und spielt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands. Seit 2000 schreibt Micha Lewinsky Drehbücher, unter anderem für STERNENBERG von Christoph Schaub, den ARD-Film WEIHNACHTEN oder zusammen mit Anna Luif für ihren Erstlingsfilm LITTLE GIRL BLUE. Als Regisseur gab er 2005 sein Debut mit dem Kurzfilm HERR GOLDSTEIN, der unter anderem den Pardino d'Oro in Locarno gewann.
Interview mit Micha Lewinsky
Wie ist die Idee des Films "Der Freund" entstanden?
An meinem ersten Schultag im Gymnasium stand der Name von einem Mädchen auf der Klassenliste. Sie ist nie gekommen. Später haben wir erfahren, dass sie gestorben war. Und ich habe mich lange gefragt, wer sie wohl war? Ich habe mir viele Gedanken über sie gemacht, gerade weil ich nichts von ihr wusste. Dieses Mädchen war die blanke, weisse und somit perfekte Projektionsfläche für die romantischen Ideen eines Teenagers. Daran habe ich mich erinnert. Und dann folgten drei Jahre Drehbucharbeit. Von der Grundidee ist nicht mehr viel im Film. Höchstens ein wehmütiges Gefühl.
Du bist Autor des Kinohits "Sternenberg", bei Deinem aktuellen Film hast Du das erste Mal auch selbst Regie geführt bei einem langen Spielfilm. Was hat Dich an dieser Aufgabe gereizt?
Das Schreiben von Drehbüchern ist eine einsame Angelegenheit. Ich hatte schon lange Lust, einmal selber einen Film zu realisieren. Es ist eine Arbeit mit anderen Menschen. Bei der Regie kommt einfach alles zusammen, was ich liebe: Geschichten erzählen, rumspielen, organisieren, auch die Musik ist ein wichtiges Element. Ich hatte noch nie so sehr das Gefühl, das Richtige zu tun, wie beim Regie führen.
Im Zentrum der Geschichte steht Emil, ein scheuer junger Mann, der quasi über Nacht Witwer wird, obwohl er noch nie eine Freundin hatte. Wie fest fühlst Du Dich Emil verbunden?
Ich glaube, in den meisten von uns steckt ein kleiner Emil. Einer, der sich nicht ins Leben traut, der sich viel überlegt und wenig tut. Einer, der sich ausführlich vorstellt, wie es wäre, einen grossen Berg zu besteigen, und der sich nicht aufraffen kann, den nächsten Hügel in Angriff zu nehmen.
Für die beiden Hauptrollen standen Philippe Graber (Emil) und Johanna Bantzer (Nora) vor der Kamera. Wie ist die Wahl auf sie gefallen?
Mit Johanna Bantzer habe ich schon in meinem Kurzfilm "Herr Goldstein" gearbeitet. Sie ist eine wundervolle Schauspielerin und eine gute Freundin. Sie war für diese Rolle von Anfang an meine Favoritin. Philippe Graber habe ich nach einem langen Casting-Prozess gefunden. Und ich bin sehr glücklich darüber. Er ist eine echte Entdeckung. Ich bin überzeugt, wir werden ihn noch in vielen Filmen erleben.
Die Musik spielt eine wichtige Rolle in Deinem neuen Film. Welche Überlegungen stehen dahinter?
Ich mache selber seit vielen Jahren Musik. Die Musik ist mir wichtig, und ich mag selber Filme mit guter Musik. Musik löst bei mir ganz unmittelbare Emotionen aus. Und das ist es, was ich auch mit dem Film erreichen möchte.
Du wolltest unbedingt die Musikerin Emilie Welti (Larissa) für Deinen Film. Warum?
Emilie ist eine einzigartige Sängerin, eine ganz besondere Musikerin. Es ist eine grosse Ehre, dass sie mitgemacht hat. Ich bin nicht der Einzige, der von ihr begeistert ist. Als Sophie Hunger verzaubert sie jetzt schon halb Europa.
Der Film ist zeitweise sehr traurig oder jedenfalls melancholisch, hat aber immer wieder witzige und glückliche Momente. Ist nun "Der Freund" eine Tragödie oder eine Tragikomödie oder ein etwas anderer Familienfilm?
Ich wollte einen Film machen, der traurig und lustig zugleich ist. Im Leben sind doch oft auch die traurigsten Momente dann, wenn etwas gerade sehr schön ist. Und die lustigsten, wenn es eigentlich weit und breit keinen Grund zu lachen gibt.
Wie hast Du die Dreharbeiten erlebt?
Die Dreharbeiten waren für mich wie ein langer, anstrengender Kindergeburtstag. Natürlich musste man sich fünf Wochen lang voll konzentrieren. Man stand in der Kälte, hatte Zeitdruck, das Geld war knapp. Aber gleichzeitig habe ich auch die ganze Zeit Geschenke bekommen: tolle Schauspielleistungen, Bilder, Kostüme, Dekors. Immer wieder stand ich einfach nur da und habe mich gefreut über all das.
